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Verena Weinmann - Agobio. Für Stimme und Streichquartett (2021) - neo
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Agobio. Für Stimme und Streichquartett (2021)

18 plays
Composer
Interpreters
Anna Gschwend Nerida Quartett
Composition, Vocal music
2 tracks


More information

Added on 2 November 2021

Year of creation
2021
Label
Eigenproduktion SRG

Credits and thanks

Anna Gschwend, Stimme
NERIDA Quartett:
Saskia Niehl, Violine
Nevena Tochev, Violine
Pietro Montemagni, Viola
Alma Tedde, Violoncello

Konzertaufnahme: 25. September 2021, Kunsthaus Zürich (Uraufführung)
Tonmeister/Musikregie: Moritz Wetter

«Überlastung», «Erschöpfung», «ich überfordere» sind einige relevante Übersetzungen (aus dem Spanischen) für den Titel dieses Stückes. Diese Gefühle sind mir nur allzu gut bekannt: als Person, die als Frau dressiert wurde; als Autistin, die lange nicht diagnostiziert durch das Leben gegangen ist; als Arbeiterin mit Vollzeitanstellung, die nicht allein wohnen und nur wenig monatlich auf die Seite tun kann.
Überforderung kann lähmend wirken. Aus ihr herauszukommen ist nur möglich, wenn wir die verantwortlichen äusseren Umstände ändern. Eine sehr hilfreiche sekundäre Emotion dafür ist Wut. Das Gedicht von Ana Quijano, das ich in «agobio» verarbeite, drückt diese Gefühle von Überforderung und Wut auf eine Art und Weise aus, mit der ich mich stark identifiziere. In meinem Stück befasse ich mich zentral mit diesen inneren emotionalen Vorgängen, wie sie untrennbar an die reale Welt gebunden sind und dialektisch mit ihr interagieren.
Systematischer Sexismus, automatische subtile sowie offene Diskriminierungen, eine sehr laute und normative Welt, die nur unter Zähneknirschen (wenn überhaupt!) tägliche Notwendigkeiten und Arbeitsplätze für alle Menschen zugänglich macht, sinkende Löhne trotz
steigender Produktivität und Profite, die aktuelle Pandemie – es gibt so viele Gründe, sich heutzutage überfordert und erschöpft zu fühlen! Wenn wir uns die globale sozialpolitische Situation ansehen wird es klar, dass ich mit diesen Gefühlen bei weitem nicht allein dastehen kann. Die Notwendigkeit einer radikalen Veränderung der gesamten Gesellschaft und worauf sie aufgebaut ist, wird immer offensichtlicher für mehr und mehr Menschen. Als ich anfangs graphisch skizzierte, wie sich ein überstimulierender Tag auf mich auswirkt, fielen mir Parallelen zu gesellschaftlichen Phänomenen auf: die Momente der anscheinend ewigen Ruhe, wie sich bestimmte zufällige Ereignisse auf diesen falschen Frieden auswirken, die Akkumulation von Unzufriedenheit unter der Oberfläche, anscheinend aus-dem-Nichts-kommende starke Reaktionen und Zusammenbrüche, Erschöpfung und Verwirrung als Effekt eines anhaltenden Kampfes ohne klare Strategie oder Führung. So entschied ich mich für ein Stück, das einige dieser Parallelen aufgreift, um eine höchst private Musik hörbar zu
machen, die zugleich eine direkte Beziehung zum grösseren sozialen Kontext herstellt.
Ich bin überzeugt, dass die Verwirklichung einer Utopie auf zu Zeiten überlastende, enthusiastische, koordinierte Arbeit zahlloser Menschen angewiesen ist. Es ist unumgänglich, Hindernisse überwinden zu müssen, die sich zuerst einmal in Erschöpfung und Gefühlen der Überforderung äussern können, um die persönliche Selbstvergewisserung sowie eine kollektive Utopie nachhaltig zu erreichen.
Verena Weinmann

18 plays